Heike Schmoll

Corona-Rabatt?: Wie Bremen mit den Abi-Noten trickst

von befla

Nach Sachsen hat nun auch Bremen die Ergebnisse des Mathematikabiturs in Grund- und Leistungskursen angehoben und sich dabei nicht etwa mit einem Punkt begnügt, sondern gleich zwei Punkte zugegeben. Das macht in der Gesamtrechnung acht Punkte aus. Dadurch haben Schüler, die eine Prüfung knapp verfehlt haben, nun doch noch bestanden. Nach den Beschwerden einiger Schüler über zu schwere Aufgaben (ein sich alljährlich wiederholendes Manöver) meinte Schulsenatorin Claudia Bogedan (SPD) rasch den Sündenbock gefunden zu haben und verwies auf das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB).

Heike Schmoll

Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

Die Aufgaben aus dem zentralen Abiturpool der Bundesländer seien offenbar wegen des Aufbaus und der Verständlichkeit sehr schwierig gewesen. „Wir gehen davon aus, dass es sich weniger um ein Corona-bedingtes Phänomen handelt als vielmehr um die Schwere der Aufgaben“, sagte Bogedan. In vielen anderen Bundesländern seien diese Aufgaben entweder nicht ausgewählt oder sprachlich modifiziert worden. Die Maßgabe, vom kommenden Schuljahr an die Aufgaben aus dem Pool nehmen zu müssen, werde ausgesetzt, behauptet Bremen, doch davon weiß die Kultusministerkonferenz (KMK) noch nichts und hat offenbar auch nicht vor, das zu beschließen.

Die Abiturkommission hätte die Aufgaben anpassen können

Viel wahrscheinlicher ist, dass die eigentlich angestrebte Regelung, Aufgaben unverändert zu übernehmen, wegen der Corona-Pandemie und des verpassten halben Schuljahrs für die Abiturienten des kommenden Jahres noch einmal ausgesetzt wird. Bremen hatte schon im vergangenen Jahr die Mathenoten angehoben. Gemeinsam mit Kultusministern anderer Länder habe es das IQB zum Handeln aufgefordert, aber es sei bislang so gut wie nichts passiert, so Bogedan. In der Tat gab es im Zusammenhang der Notenanhebung im Hamburger Mathematikabitur des letzten Jahres durch den dortigen Schulsenator Ties Rabe (SPD) die Forderung an das IQB, die Schwierigkeit der Aufgaben zu überprüfen, doch dafür ist das IQB gar nicht zuständig.

Die Direktorin des IQB Petra Stanat sagte dieser Zeitung: „Das IQB entwickelt nicht die Aufgaben, sondern es koordiniert lediglich den Aufgabenentwicklungsprozess, für den die Länder gemeinsam verantwortlich sind. Jedes Land schickt seinen eigenen Fachmann in die ‚AG Aufgaben‘. Die Vertreter der Länder entwickeln die Aufgaben gemeinsam und entscheiden auch, welche Aufgaben in den Pool kommen. Dann suchen die Abiturkommissionen der Länder die Aufgaben für ihr landeseigenes Abitur aus. Im Land wird auch geregelt, ob die Aufgaben unverändert oder modifiziert aus dem Pool übernommen werden.“

Der Aufgabenpool war von den Kultusministern eingerichtet worden, um für mehr Vergleichbarkeit zu sorgen. An sich sollte es nur noch in einer Übergangszeit möglich sein, Aufgaben aus dem Pool zu verändern, vom nächsten Schuljahr an sollten die Aufgaben unverändert übernommen werden. Denn die Vergleichbarkeit wird sich nur erhöhen, wenn sie unverändert und in einer Mindestanzahl drankämen. Dazu müssten auch die Bedingungen die gleichen sein. Dann kann nicht ein Land (wie Sachsen in diesem Jahr) seinen Abiturienten eine Stunde mehr Zeit für die Aufgaben geben als alle anderen, und dann ist auch nicht zulässig, in einem Land Taschenrechner zu verwenden, im anderen aber nicht. Wenn die Aufgaben in Bremen zu schwierig gewesen sind, dann hätte das die Bremer Abiturkommission merken müssen und die Aufgabenstellungen verändern dürfen.

Bremen schert aus Länderinitiative aus

Warum Bremen die Aufgaben nicht umformuliert oder vorher selbst durchgerechnet hat wie Hamburg, bleibt sein Geheimnis. Der Stadtstaat wies im Jahr 2018 in der neunten Klasse in Mathematik einen Anteil von Risikoschülern von 40,6 Prozent auf. Kann es sein, dass der Pool ohnehin zu schwer für Bremen ist, man sich das nicht eingestehen kann und deshalb die Schuld auf das IQB geschoben wird? Mit seiner Ankündigung, künftig mehr eigene Aufgaben zu entwickeln, schert Bremen aus allen ländergemeinsamen Initiativen aus, das Abitur vergleichbarer zu machen. Die amtierende KMK-Präsidentin, die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD), sagte der F.A.Z., sie halte es für „schwierig“, an einem Staatsvertrag für mehr Ländervergleichbarkeit zu arbeiten und gleichzeitig den Aufgabenpool zu schwächen.

Die Koordinatorin der unionsregierten Länder, Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), zweifelt nicht an der Ernsthaftigkeit der Länder, für mehr Vergleichbarkeit zu sorgen, äußert aber Verständnis für die außergewöhnliche Lage angesichts der Pandemie, nicht jedoch für Notengeschenke. Baden-Württemberg hatte wegen Verschiebung der Prüfungen keine Aufgaben aus dem Pool entnommen. „Für die diesjährigen Prüflinge war aufgrund der besonderen Umstände schon dieses Abitur eine Herausforderung. Aber um die Schüler, die im kommenden Jahr ihr Abitur ablegen, müssen wir uns größere Sorgen machen“, sagte Eisenmann. Die KMK arbeite mit großer Ernsthaftigkeit am Staatsvertrag und wolle dadurch die Vergleichbarkeit sichern.

Derzeit sieht es eher danach aus, als nutzten manche Kultusminister die Corona-Krise, um wieder nach der alten Devise „Jeder macht es, wie er will“ zu verfahren. Sie gefährden damit das Abitur als Hochschulzugangsberechtigung, und das ist ein fatales Signal. Fast scheint es so, als sei das Abitur Verhandlungssache.

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