Martin Benninghoff

DAAD-Präsident Mukherjee: „Wir waren auch mal ein schwieriges Land“

von befla

Der Brexit ist vollzogen. Was bedeutet das für den Erasmus-Austausch mit Großbritannien?

Nadine Bös

Nadine Bös

Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

Jessica von Blazekovic

Vorerst bleibt bis Ende des Jahres alles wie bisher. Wer über den Jahreswechsel 2020-2021 nach Großbritannien geht, muss sich gebenenfalls um eine Aufenthaltsgenehmigung bemühen. Das Erasmus-Programm läuft aber von 2020 bis 2022 wie geplant weiter. Darüber hinaus ist es schwierig, Prognosen zu treffen. Unser Wunsch ist natürlich, dass wir eine Anschlusslösung finden wie sie auch im Binnenverhältnis mit der Schweiz existiert. Was wir nicht anstreben, sind bilaterale Sonderkonstruktionen zwischen einzelnen Ländern und Großbritannien.

Das ist Ihr Wunsch. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass er sich erfüllt?

Wir müssen realistisch sein und davon ausgehen, dass es in den Verhandlungen der nächsten Monate vermutlich andere Prioritäten gibt. Dann wird vielleicht doch eine Situation eintreten, in der einzelne Hochschulen ihre eigenen realitätstauglichen Lösungen entwickeln müssen.

In einem Interview mit Ihnen fiel unlängst der Begriff „virtuelles Erasmus“. Könnte so der Wegfall eines Ziellandes kompensiert werden?

„Virtuelles Erasmus“ ist kein Thema, das mit dem Brexit zu tun hat. Der Grundgedanke kommt aus einer anderen Richtung: Wie können digitale Technologien in Zukunft noch stärker genutzt werden, um manch physische Mobilität vielleicht gar nicht zwingend nötig zu machen.

Stichwort Klimawandel?

Ja! Mit Blick auf den Klimawandel kann es eigentlich nicht sein, dass Jahr für Jahr immer mehr Förderprogramme dazukommen, immer mehr Studierende und Wissenschaftler physisch mobil werden. Ist es wirklich so abwegig, anzunehmen, dass internationale und kulturelle Erfahrungen irgendwann teilweise oder sogar vollständig im virtuellen Raum erworben werden? Wir müssen uns auch von der Idee verabschieden, dass nur ein Auslandssemester von sechs Monaten sinnvoll ist. Es gibt Studierende, die sich das nicht leisten können oder aus familiären und persönlichen Gründen nicht so lange ins Ausland gehen können. Da müssen wir andere Wege gehen. Einer ist die Nutzung digitaler Technologien. Ein anderer ist es, darüber nachzudenken, wie man den internationalen Campus an deutschen Hochschulen stärker als bisher dafür nutzen kann.

„Meine Hautfarbe ist ziemlich unterrepräsentiert“

Wie international und divers sind denn die deutschen Campi überhaupt? In vielen Bereichen dominieren mittelalte, deutsche, weiße Männer das Bild.

Mit Blick auf die Universitäts- und Fachhochschulpräsidenten trifft das zu, das sehe ich ja bei der Hochschulrektorenkonferenz zwei Mal im Jahr. Meine Hautfarbe ist dort ziemlich unterrepräsentiert, um es vorsichtig auszudrücken. Und der Frauenanteil ist deutlich geringer als unter dem Universitätspersonal oder bei den Professuren. Die Wissenschaft darf der Gesellschaft nicht vorpredigen, wie wichtig Diversität ist und in den eigenen Reihen selbst hinterherhinken.

Joybrato Mukherjee ist der neue Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Machen Sie sich Sorgen, dass mit dem Erstarken der AfD eines Tages ein anderer Wind wehen könnte, was die Finanzierung des DAAD anbelangt und seine politische Unterstützung?

Das hängt zuvörderst von der Entwicklung der AfD ab, und wie sie die internationale Zusammenarbeit und ihren Wert für Deutschland in Zukunft einschätzt. Wir sollten nicht der Versuchung erliegen, anzunehmen, dass wir als DAAD für den Austausch eintreten, weil wir altruistisch etwas Gutes tun wollen. Das ist in unserem ureigenen Interesse. Wir werden nur wettbewerbsfähig bleiben, wenn wir uns immer wieder mit den besten Leuten auf der Welt austauschen. Von daher sehe ich das im politischen Spektrum auch nicht von irgendeiner Seite angreifbar.

Wäre es nicht denkbar, dass eine Partei wie die AfD, die für eine geschlossene Gesellschaft wirbt, Ihnen die Mittel kürzt?

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