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Demut statt Attitüde: Ein Herz für Schalke

von befla

Nach den Corona-Ausbrüchen in seinen Fleischfabriken und den vielen Berichten über unwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen seiner Mitarbeiter hat Clemens Tönnies derzeit nicht viele Unterstützer.

Umso mehr wird ihn der unerwartete Beistand von Uli Hoeneß bestärken: „Teilweise erinnert es mich an meine Zeit mit der Steuersache“, sagte der langjährige Manager von Bayern München zur kritischen Berichterstattung über den Fleischfabrikanten, der derzeit auf ganz unterschiedlichen Bühnen in der immer gleichen Rolle präsentiert wird: als Oberschurke. „Wenn man einmal in so einer Maschinerie drin ist, versucht jeder, den anderen mit seiner Kritik zu überbieten“, behauptete Hoeneß im „Bayerischen Rundfunk“ vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrungen als Steuerhinterzieher.

Am vergangenen Wochenende haben rund 1000 Anhänger des FC Schalke 04 gegen Tönnies protestiert und ein möglichst schnelles Ende der Ära ihres schillernden Aufsichtsratschefs gefordert, Hoeneß warb hingegen für Nachsicht: Wenn Fehler gemacht werden, müsse „man dazu stehen“, sagte er über Tönnies, aber „das tut er ja. Wenn Dinge zu ändern sind, dann muss man das auch tun. Ich gehe davon aus, dass er das tut, wenn es notwendig ist.“

Hoeneß’ Botschaft ist eindeutig: Nachdem er als verurteilter Steuerhinterzieher wieder in das Amt als Präsident des FC Bayern zurückkehrte, können die Schalker guten Gewissens mit Tönnies weitermachen, ohne an Glaubwürdigkeit in der Branche zu verlieren. Aber ist das so, und sollten sie das?

Schalke steht für Bodenständigkeit, auf Schalke, heißt es immer noch, höre man auf die Alltagssorgen der Menschen, Schalke sei die Heimat der Malocher. Ist das nicht der Klub der Herzen? Er lässt sich führen, ja dominieren von einem Oberaufseher, der kein Fußballfachmann ist, der oftmals so wirkt, als sei er mehr von seinem Machtinstinkt inspiriert als von Sachverstand, unternehmerischer Vernunft und Herzlichkeit.

Längst hat Tönnies auf Schalke abgefärbt. Aber entgegen anderslautender Erzählungen ist Schalke 04 nicht abhängig von dem Milliardär aus Rheda-Wiedenbrück. Zwar hat Tönnies schon mit (gut verzinsten) Krediten ausgeholfen und durch seine Kontakte einen Sponsor wie Gazprom gewinnen können. Aber eigentlich sei Tönnies jemand, der eher nehme als gebe, hat einmal ein Kenner des Schalker Innenlebens gesagt.

Tönnies sieht sich ganz oben, er zählt zu den reichsten Menschen Deutschlands. Gerne umgibt er sich mit Figuren wie Wolfgang Porsche, Karin Miele, Carsten Maschmeyer und Liz Mohn. Dieser Mann denkt groß, und mit dieser Attitüde lenkt er Schalke 04, statt – wie es sein Amt vorsieht – die Arbeit des hauptamtlichen Vorstands „nur“ zu kontrollieren. Zum Bild von Schalke, zum Selbstverständnis des Vereins, zu dem, was diesen Klub deutschlandweit so sympathisch machte, passt der Führungsstil und das Auftreten von Tönnies nicht.

Falls der FC Schalke diesen Nimbus, die so ansprechende Unterscheidung von den Großkopferten der Liga, nicht vollends verlieren will, dann braucht er eine neue Unternehmenskultur. Sie müsste von Demut, Bescheidenheit und Geduld geprägt sein, statt von der Renommage eines Patriarchen. In dieser Krise bietet sich dem Gelsenkirchener Traditionsverein die Chance, sein ausgehöhltes Selbstverständnis wieder mit Leben zu füllen. Die Mitglieder haben es in der Hand.

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