Krieg im Osten der Ukraine: Russland hat die Schlacht um Charkiw verloren

von befla

Die ukrainischen Soldaten sind mit einem gelb-blau gefärbten Grenzpfahl bewaffnet. Mit dem pirschen sie durchs Gebüsch. Zu sehen ist ein Panzergraben und dahinter ein blaues Schild. Dann schwenkt die Kamera zu den Männern, die sich neben dem Pfahl aufgebaut haben. „Herr Präsident, wir sind an der Grenze“, sagt einer der Soldaten, der sich als Angehöriger eines Bataillons der Territorialverteidigung identifiziert. Er meint: an der Grenze „zum Okkupanten“, zu Russland. Das Video wurde vom ukrainischen Verteidigungsministerium veröffentlicht, es soll den jüngsten Erfolg dokumentieren. Wie üblich, lässt sich seine Echtheit nicht überprüfen. Es irritiert, dass der Soldat vom 15. April statt vom 15. Mai spricht.

Thomas Gutschker

Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

Gleichwohl ist klar: Die russischen Streitkräfte haben die nächste große Schlacht in ihrem Krieg gegen die Ukraine verloren. Ende März mussten sie die Belagerung von Kiew aufgeben und sich schmachvoll zurückziehen. Jetzt ist ihnen dasselbe in Charkiw widerfahren, der zweitgrößten Stadt des Landes. NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bestätigte das am Sonntag. Der russische Krieg laufe nicht wie geplant, sagte er nach einem Treffen der NATO-Außenminister in Berlin. „Sie haben es nicht geschafft, Kiew einzunehmen. Sie ziehen sich aus der Umgebung von Charkiw zurück, ihre große Offensive im Donbass ist festgefahren.“ Schon am Vortag kam das Institute for the Study of War zu der Einschätzung: „Die Ukraine hat die Schlacht von Charkiw wahrscheinlich gewonnen.“ Der unabhängige amerikanische Thinktank hat sich seit dem 24. Februar mit seinen tagesaktuellen Kriegsanalysen hohes Ansehen erworben.

Rückzug über die Schnellstraße nach Belgorod

Auch der ukrainische Generalstab berichtete, dass die russischen Truppen den Rückzug über die Grenze nach Norden angetreten hätten, über die Schnellstraße nach Belgorod. Eine Milizionär aus der selbst erklärten „Volksrepublik Don­ezk“ sagt in einem Video, dass seine Einheit zwei Tage lang von russischen Grenzern aufgehalten worden sei, weil die regulären Streitkräfte Vorrang haben – ein weiterer Beleg. Neue Karten veranschaulichen, wie die ukrainischen Truppen nordwestlich von Charkiw bis zur russischen Grenze vorgerückt sind. Sobald der russische Abzug abgeschlossen ist, dürften sie das gesamte Gebiet nördlich der Stadt unter ihre Kontrolle bringen.

Dieses Bild soll ukrainische Soldaten zeigen, die nördlich von Charkiw an der Grenze zu Russland einen Grenzpfahl setzen.

Dieses Bild soll ukrainische Soldaten zeigen, die nördlich von Charkiw an der Grenze zu Russland einen Grenzpfahl setzen.
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Bild: via REUTERS

Für die Ukrainer ist das ein wichtiger Erfolg. Obwohl sie den Angreifern in vielerlei Hinsicht unterlegen sind, haben sie ihre erste größere Gegenoffensive im Osten des Landes erfolgreich abgeschlossen. Charkiw, das vor Kriegsbeginn rund 1,5 Millionen Einwohner hatte, liegt nun komplett außerhalb der Reichweite der russischen Feldartillerie, die mit Standardmunition bis zu 25 Kilometer weit schießen kann. Das hatten die Russen auch wochenlang getan und besonders in den nördlichen und östlichen Bezirken der Stadt schwere Zerstörung angerichtet. Mehr als zweitausend Häuser sollen unbewohnbar sein, darunter große Wohnblöcke. Schon seit Beginn des ukrainischen Gegenangriffs, den der Generalstab in Kiew am 5. Mai meldete, hatten die russischen Einheiten ihr Feuer nicht mehr auf die Stadt gerichtet, sondern auf die Ukrainer. Und doch wurden sie zurückgedrängt.

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