Saskia, die Unbekannte

von befla

Es ist wenige Wochen her, als sich Saskia Esken von der SPD-Basis in Calw Kritik gefallen lassen musste. Die Kandidatin für den Parteivorsitz rede die Leistungen der sozialdemokratischen Minister in Berlin „klein“ und schätze Kompromisse wenig, schimpfte ein Sozialdemokrat mit Regierungserfahrung. Der ehemalige Nagolder Oberbürgermeister Rainer Prewo (SPD) teilte mit, ihm sei die Kaffeetasse aus der Hand gefallen, als er von Eskens Kandidatur erstmals erfahren habe. Nachdem ihrem Sieg fielen die Kommentare im Schwarzwald nun etwas respektvoller aus.

Die 58 Jahre alte Esken sitzt seit 2013 im Bundestag. Doch im Wahlkreis Calw/Freudenstadt holte sie zuletzt 16,9 Prozent der Stimmen. Ein CDU-Abgeordneter hält den Wahlkreis seit 1987. Der Nordschwarzwald ist für die SPD seit jeher Diaspora.

Esken wurde 2013 und 2015 in den SPD-Landesvorstand gewählt, spielte dort aber keine Rolle. Wenn sie, um ihre angebliche politische Erfahrung zu belegen, an ihr Amt als stellvertretende Vorsitzende des Landeselternbeirats erinnert, löst das bei vielen Sozialdemokraten nur Stirnrunzeln aus, denn in dieser Funktion ging sie den damaligen sozialdemokratischen Kultusministern ziemlich auf die Nerven.

Weil der Listenplatz 15, mit dem sie 2017 in den Bundestag gewählt wurde, bei der nächsten Bundestagswahl für die SPD nicht sicher sein dürfte, hielten fast alle Sozialdemokraten in Calw und Freudenstadt ihre Kandidatur für den Bundesvorsitz zunächst für ein taktisches Manöver. Man hätte sie bei der nächsten Listenaufstellung kaum mehr übergehen können. Ihre Aufstellung auf der Landesliste 2009, 2013 und 2017 verdankte Esken vor allem dem Glauben vieler Delegierter, dass die SPD nicht nur Städter für den Bundestag nominieren sollte.

Ursprünglich versuchte Esken, den Juso-Bundesvorsitzenden Kevin Kühnert von einer Kandidatur für den Parteivorsitz zu überzeugen. Doch dann überredete sie Norbert Walter-Borjans. Ursprünglich hatte sich der Kreisverband für das Duo Hilde Mattheis und Dierk Hirschel ausgesprochen – nachdem Saskia Esken vorgeprescht war, musste man das korrigieren. In Calw und Freudenstadt wirbt sie seit Jahren für eine rot-rot-grüne Koalition im Bund.

Für Baden-Württembergs Landesverband ist eine linke Bundesvorsitzende eher problematisch: Denn für den Verband sind die Gewerkschaften von großer Bedeutung. Diese haben aber kein Interesse an einem Wechsel in die Opposition. Kritische Kommentare muss man nicht lange suchen. „Im Gegensatz zu Walter-Borjans verfügt Saskia Esken über keine Hausmacht in der SPD. Selbst im eigenen Landesverband ist sie umstritten, in der Bundestagsfraktion, auch in der SPD-Landesgruppe, gilt sie eher als Einzelgängerin“, sagt Manfred Stehle, früherer Ministerialdirektor im Integrationsministerium.

Von der SPD-Kreisvorsitzenden in Freudenstadt, Viviana Weschenmoser, bekommt Esken hingegen Unterstützung: „Das lange Verteidigen von Kompromissen schadet der SPD. Ich hoffe, dass die Partei Saskias Empfehlung folgt, die Groko zu verlassen. Einmal runterrasieren, und dann Ciao Kakao.“

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