Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg

Scherbaums Börse: Netflix und die anspruchsvolle Streaming-Kundschaft

von befla

Einer der großen Profiteure der Corona-Pandemie im ersten Halbjahr hat in dieser Woche unter seinen Aktionären für eine gewisse Ernüchterung gesorgt. Netflix, der führende Streaming-Unterhaltungsdienst der Welt, musste bei der Bilanzveröffentlichung eingestehen, dass nach dem coronabedingten Abo-Ansturm in den ersten sechs Monaten des aktuellen Jahres der Kundenandrang deutlich nachgelassen hat. ( https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/weniger-neukunden-als-erwartet-corona-kater-fuer-netflix-17011593.html) Unter dem Strich legte der Gewinn im Jahresvergleich zwar um 19 Prozent auf 790 Millionen Dollar zu, Experten hatten aber mehr erwartet. Nur der Umsatz hat überzeugt und lag mit 6,4 Milliarden Dollar über den Prognosen.

Anspruch der Netflix-Kundschaft wächst

Die Zahlen zeigen eines auf: Der Konkurrenzkampf unter den Streaming-Anbietern ist mit Mitbewerbern wie Hulu, Amazon Prime, Apple TV+ und Disney+ härter geworden. Auch der angehende Konkurrent Quibi bekam dies zu spüren. Das Prestigeprojekt des ehemaligen Chefs der Disney-Studios, Jeffrey Katzenberg, und Meg Whitman (ehemals Vorstandschefin und Präsidentin von Hewlett-Packard) scheiterte nach nur einem halben Jahr.

Die starken Wachstums-Quoten von Netfix in den vergangenen Jahren dürften nicht mehr so einfach zu erzielen sein. Seit dem Jahr 2011 wurde die Zahl der Abonnenten fast verzehnfacht. Erfolgsserien wie „House of Cards“ oder „Orange is the new Black“ zogen Serien-fixierte Nutzer an. Gleichzeitig wuchs jedoch auch der Anspruch, solche Serienhits in Folge zu produzieren und anzubieten.

Netflix reagierte darauf mit zunehmend regionalen Produktionen. In der Folge wurden zum Teil Eigenproduktionen gestartet, zum Teil wurden bestehende Projekte übernommen. Bestes Beispiel ist der Überraschungserfolg „Haus des Geldes“. Die spanische Produktion war zunächst in Spanien selbst nur mäßig beliebt – erst durch einen neuen Schnitt wurde für Netflix ein internationaler Hit daraus.

Schwieriger Balance-Akt

Hier kommt das veränderte Nutzerverhalten zum Tragen: Lag der Schwerpunkt früher eher auf Hollywood-Blockbustern, werden heute bevorzugt Serien geschaut. Das ist leicht nachvollziehbar, denn mit Dauern von Folgen von weniger als einer Stunde lässt sich Streaming-Konsum in jede Abendgestaltung einbinden. Klassisches Fernsehen funktioniert bei vielen Streaming-Anhängern nicht mehr. Doch selbst ein deutscher Serienerfolg wie die Schwarzwald-Klinik in den 1980er-Jahren, wäre heute denkbar. Das wochenweise Freischalten einzelner Folgen von heute entspricht dem Warten auf den TV-Samstagabend in den 1980er-Jahren.

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Bild: Christoph Scherbaum

Dennoch könnte Netflix durchaus Opfer seines eigenen Erfolgs werden. Immer mehr Nutzer wollen schließlich nicht nur Massenware, sondern auch individuelle Inhalte. Doch diese Inhalte kosten Geld. Es ist daher an Netflix hier eine Balance zwischen attraktiven Neuproduktionen beziehungsweise Lizenzierungen einerseits und Nutzerwachstum andererseits zu finden. Da aber alle Streaming-Anbieter dieses Problem gleichermaßen haben, bleibt es spannend, wie der Branchenführer Netflix darauf reagiert.

Erste Versuche aus den Vereinigten Staaten sind ermutigend. Dort wurden in den vergangenen zwei Jahren einfach die Preise deutlich angehoben. Auch in Österreich und Deutschland werden für Neukunden höhere Preise verlangt. Solange die Zahlungsbereitschaft der Kunden noch nicht ausgereizt ist, hat Netflix noch einigen Spielraum, seine Position zu verbessern.

Analysten sehen weiteres Kurspotenzial

Seitens der Analystenhäuser ist das Gros optimistisch, dass Netflix den eigenen Kurs weiter erfolgreich fortführen kann. Credit Suisse hat die Einstufung nach den Zahlen auf „Neutral“ mit einem Kursziel von 525 Dollar belassen. Jefferies wiederum hat das Kursziel von 570 auf 585 Dollar angehoben und die Einstufung auf „Kaufen“ belassen. Die Pipeline an Inhalten sei gut, die Abo-Preise könnten steigen und beim freien Mittelzufluss zeichne sich eine bessere Entwicklung ab, so lautet die Begründung.

Goldman Sachs hat die Aktie auf seiner Kaufliste („Conviction Buy List“) mit einem Kursziel von 670 Dollar belassen. Auch hier war man von den schwachen Abo-Zahlen überrascht. Das Analystenhaus schrieb, dass es unterschätzt habe, wie schnell die jüngst in der Corona-Krise gewonnenen Kunden des Online-Videodienstes wieder abgewandert seien. Allerdings zeigte man sich weiterhin überzeugt, dass unter anderem dank massiver Investitionen in das Programm die Finanzkennziffern insgesamt die Markterwartungen deutlich übertreffen dürften.

Aktie im übergeordneten Aufwärtstrend

Seitens der Charttechnik gibt es ebenso keinen Anlass als Anleger wirklich nervös zu werden. Im Zuge des Börsen-Crashs im ersten Quartal wurde zwar auch die Aktie von Netflix mit in die Tiefe gerissen. Doch es folgte eine V-förmige Erholungs-Rallye, im Zuge derer sich die Notierungen bis zum Juli beinahe verdoppelt haben und mit 575 Dollar ein neues Allzeithoch markierten.


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Nach dem steilen Höhenflug wechselte die Aktie in den Konsolidierungs-Modus. Mit aktuellen Kursen im Bereich der 490er-Dollar-Marke notiert die Aktie nach wie vor deutlich oberhalb der 200-Tage-Linie und damit im übergeordneten Aufwärtstrend. Es dürfte in den kommenden Quartalen spannend werden zu sehen, wie Netflix sich im Spannungsfeld zwischen immer größerem, aber kostenintensiven Inhalteangeboten einerseits und einem schrumpfenden Nutzerwachstum andererseits zurechtfindet

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