Roland Lindner

Schnelles Wachstum: Netflix versöhnt die Börse

von befla

Vor drei Monaten sorgte Netflix für eine herbe Enttäuschung. Die Online-Videothek musste in ihrem Quartalsbericht zugeben, seine Kundenzahlen nicht so stark ausgebaut zu haben als erwartet, und auch die Prognose auf die kommenden drei Monate fiel schwächer als erwartet aus. Das bescherte dem Unternehmen ungewohnte Kursrückgänge an der Börse, von denen es sich zunächst auch nicht wieder erholte.

All das scheint aber jetzt vergessen. Denn mit seinen am Dienstag nach Börsenschluss vorgelegten Quartalszahlen hat Netflix die Erwartungen bei weitem übertroffen. Die vor drei Monaten gegebene Prognose hat sich als viel zu vorsichtig herausgestellt, und das Unternehmen hat im dritten Quartal so viele neue Abonnenten gewonnen wie noch nie in diesem Zeitraum. Die Börse war begeistert: Der Aktienkurs legte im nachbörslichen Handel zeitweise um mehr als 12 Prozent zu. Wenn das auch im regulären Handel am Mittwoch Bestand hat, würde Netflix mit seiner Marktkapitalisierung wieder nahe an den Unterhaltungskonzern Walt Disney heranrücken. Das Unternehmen hätte dann wieder beste Chancen, sich die Krone teuerster Medienkonzern der Welt zurückzuholen, die es in diesem Jahr zwischenzeitlich schon einmal hatte.

In den vergangenen drei Monaten hat Netflix fast sieben Millionen Neukunden gewonnen und damit seine Vorhersage um fast zwei Millionen übertroffen. Auf der ganzen Welt hat das Unternehmen jetzt insgesamt 137 Millionen Abonnenten. Der Großteil des Kundenzuwachses kam aus dem Ausland, aber auch auf dem amerikanischen Heimatmarkt, auf dem Netflix schon eine sehr hohe Präsenz hat, kamen noch einmal mehr als eine Million Abonnenten hinzu. Für das üblicherweise besonders starke Schlussquartal sagt das Unternehmen einen noch viel größeren Schub voraus und rechnet mit 9,4 Millionen neuen Abonnenten auf der ganzen Welt. Analysten hatten nur mit 7,6 Millionen gerechnet. Seinen Umsatz hat das Unternehmen im abgelaufenen Quartal um mehr als ein Drittel auf 4,0 Milliarden Dollar ausgebaut, was auf Höhe der Erwartungen lag. Der Nettogewinn hat sich auf 403 Millionen Dollar mehr als verdreifacht, das Ergebnis je Aktie von 89 Cent war um 21 Cent besser als erwartet.

Für die gute Entwicklung macht Netflix sein „breites Angebot“ eigener Produktionen verantwortlich. Das Unternehmen war früher vor allem eine Plattform für Filme und Fernsehserien anderer Medienkonzerne, fing aber vor gut fünf Jahren an, verstärkt auf exklusive Inhalte zu setzen. Mittlerweile beschränkt sich das nicht mehr auf Serien wie „House of Cards“ oder „The Crown“, sondern es gibt auch eigene Filme, Dokumentationen, Talk-Shows und Reality-Formate. Die Analysten der Investmentbank Cowen & Co. schrieben gerade in einer Studie, Netflix habe im dritten Quartal 676 Stunden an exklusivem neuem Material veröffentlicht, mehr als doppelt so viel wie vor einem Jahr und fast 50 Prozent mehr als noch im zweiten Quartal. Mit diesen Stoffen verschafft sich Netflix auch immer mehr Respekt in der traditionellen Film- und Fernsehindustrie in Hollywood. Bei der jüngsten Verleihung der „Emmy“-Fernsehpreise teilte sich Netflix mit dem Bezahlsender HBO die Spitzenposition für die meisten Trophäen.

Seine Strategie will Netflix offenbar fortsetzen. Vor wenigen Tagen kündigte das Unternehmen an, kurz vor dem Kauf seiner ersten eigenen Produktionsstudios zu stehen. Diese Studios sind im amerikanischen Bundesstaat New Mexico, und hier will Netflix in den nächsten zehn Jahren eine Milliarde Dollar für eigene Produktionen ausgeben. Netflix stellte außerdem eine Ausweitung der Inhalte in Aussicht, die speziell auf den europäischen Markt zugeschnitten sind, so wie die vor knapp einem Jahr herausgekommene deutschsprachige Serie „Dark“. Damit will das Unternehmen sich auch für neue Anforderungen in der Europäischen Union rüsten, wonach der Katalog auf Plattformen wie Netflix mindestens zu 30 Prozent aus Inhalten aus der Region bestehen müsse.

Mit all diesen eigenen Inhalten wird Netflix traditionellen Hollywood-Studios immer ähnlicher. Und es ist auch eine kostspielige Strategie. Das Unternehmen ist zwar unter dem Strich profitabel, aber sein Mittelzufluss, der „Free Cash Flow“, ist negativ. Das hat damit zu tun, dass Netflix für seine eigenen Titel oft mehrere Jahre vor ihrem Erscheinen und damit auch ihrer Verbuchung in der Gewinn- und Verlust-Rechnung Geld ausgibt. Netflix rechnet damit, dass dieser negative Free Cash Flow in diesem Jahr bei mindestens drei Milliarden Dollar liegen wird. Und für das nächste Jahr wird ein ähnlicher Betrag vorhergesagt. Viele Analysten blicken mit Sorge auf diese negative Kennziffer, aber die Börse scheint sich daran bislang nicht allzu sehr zu stören.

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