Jochen Buchsteiner

Sündenbock für Corona-Politik?: Warum Johnsons oberster Beamter gehen musste

von befla

Mark Sedwill, der oberste Beamte Großbritanniens und Chef der Ministerialbürokratie vor dem britischen Parlament
Bild: Reuters

Hat Boris Johnson den Chef der Ministerialbürokratie aus dem Amt gedrängt, weil er von seinen eigenen Versäumnissen in der Corona-Politik ablenken wollte?

Mark Sedwill habe dem Land „unglaubliche Dienste“ geleistet, schwärmte Boris Johnson am Montag von Großbritanniens höchstem Beamten. Sedwill ist erst 55 Jahre alt und wäre, nach allem was man weiß, liebend gerne im Amt geblieben. Warum also hat sich der Premierminister von ihm getrennt? Kündigt Sedwills Abgang im September den lange erwarteten Umbau der britischen Ministerialbürokratie an? Offiziell hat sich Sedwill mit Johnson „geeinigt, dass ich zurücktreten werde und den Civil Service verlasse“. Aber Freunde Sedwills vertrauten Zeitungen an, dass er wochenlang um seinen Job gekämpft habe. Als „Cabinet Secretary“ obliegt ihm die Führung der Londoner Ministerialbürokratie. Parallel dazu dient er noch als „Nationaler Sicherheitsberater“. Jetzt räumt der Beamte beide Posten. Sedwill soll nun (wohl als Lord) das G-7-Treffen vorbereiten, dass im kommenden Jahr im Königreich stattfindet; ein Gnadenbrot, wie viele finden.

Anders als Deutschland kennt das Königreich keine „politischen Beamten“, die bei Regierungswechseln mit Versetzung rechnen müssen. Die Unabhängigkeit des Civil Service gilt als hohes Gut, bis hinein in die Spitzenpositionen. Um politische Akzente auf der Verwaltungsebene zu verschieben, berufen neue Minister und Premierminister „Special Advisors“, die traditionell in Spannung zu den Beamten stehen. Bisher galt die Regel: Sonderberater kommen und gehen, Ministerialbeamte bleiben. Doch Johnson und sein (nicht verbeamteter) Chefberater Dominic Cummings wollen das Modell neu justieren und so die politische Kontrolle erhöhen.

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