Unbekannte Gewinneraktien: Kursraketen aus Deutschland

von befla

Es gibt Zeiten, in denen es richtig Spaß macht, Aktionär zu sein. Die vergangene Woche zählte definitiv dazu: Schon am Montag übertraf der deutsche Aktienindex Dax die Marke von 13.000 Punkten, an den folgenden Tagen ging es dann sogar noch weiter aufwärts – zu verdanken war dies recht ordentlichen Quartalszahlen der deutschen Unternehmen und einer angeblichen Annäherung im Handelsstreit zwischen Amerika und China.

Dennis Kremer

Dennis Kremer

Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Wie immer aber ist ein Blick auf nur wenige Börsentage eine Momentaufnahme, die für sich genommen nicht viel aussagt. Jeder erfahrene Börsenbeobachter weiß: In der nächsten Woche kann die Welt schon wieder ganz anders aussehen. Wer wirklich etwas über die Börsen erfahren will, muss darum längere Zeiträume in den Blick nehmen. Das fördert manch überraschende Erkenntnis zutage.

Nebenwerte schlagen Standardwerte

Zum Beispiel diese: Auch wenn der Dax stets die meiste Aufmerksamkeit erhält, sind die besten deutschen Aktiengesellschaften der Vergangenheit in den meisten Fällen keine Dax-Konzerne. Stattdessen tauchen dann Namen von Unternehmen auf, von denen die meisten Menschen noch nie etwas gehört haben dürften: die Medizintechnikfirma Sartorius aus Göttingen beispielsweise, die seit Anfang 2009 ein sagenhaftes Kursplus von fast 9000 Prozent vorweisen kann. Keine andere deutsche Aktie schlug sich in diesem Zeitraum besser, zugegebenermaßen von einer niedrigen Basis aus. Oder der Softwarehersteller Nemetschek aus München, der spezielle Programme für Architekten und die Bauindustrie entwickelt. Kursplus in diesem Fall: fast 6000 Prozent seit Anfang 2009. Im Börsensprech würde man sagen: Nebenwerte, wie kleinere Titel auf Deutsch zu Unrecht genannt werden, schlagen Standardwerte.

Schaut man sich an, welche deutschen Firmen seit dem Jahreswechsel 2008/2009 bis heute an der Börse am besten abgeschnitten haben, ist die zweite spannende Erkenntnis: Auch wenn es häufig heißt, das Geschehen an den Finanzmärkten habe nichts mit dem echten Wirtschaftsleben zu tun, ist dieser Vorwurf falsch. An den Börsengewinnern und Börsenverlierern der vergangenen elf Jahre lassen sich nämlich die wesentlichen Wirtschaftstrends der jüngeren Vergangenheit wunderbar wiedererkennen. Ganz vorne stehen Technologiefirmen, die nicht nur mit Software und Medizintechnik ihr Geld verdienen, sondern beispielsweise auch mit Cloud-Computing, also dem Anbieten von Speicherplatz über das Internet – das allgegenwärtige Schlagwort für diese Entwicklung heißt „Digitalisierung“.

Ganz hinten in der Auswertung stehen dagegen jene Firmen, die in früheren Jahren einmal den Stolz der deutschen Wirtschaft ausmachten, die sich aber in der neuen Zeit schwertun. Dazu zählen an unterster Stelle mit einem Minus von 86 Prozent seit Anfang 2009 die Commerzbank, dicht gefolgt von der Deutschen Bank mit einem Minus von 68 Prozent. Die weiteren Verlierer sind die Energieversorger Eon und RWE mit jeweils mehr als 50 Prozent Minus sowie der angeschlagene Thyssen-Krupp-Konzern mit einem Kursverlust von fast 30 Prozent. Auch hier wird man der Börse keine Fehleinschätzung vorhalten können.

40 Prozent der Analysten raten zum Verkauf

So spannend die Betrachtung der Vergangenheit auch ist, so entscheidend ist für Anleger die Frage: Können die Gewinner von heute auch die Gewinner von morgen sein? Sollten sich Anleger also die Gewinneraktien des vergangenen Jahrzehnts jetzt noch ins Depot legen?

Bekannt ist das Argument, dass die Wertentwicklung der Vergangenheit nichts über die Wertentwicklung in der Zukunft aussagt. Bankaktien beispielsweise zählten in den 2000er Jahren lange zu den besten Aktien, bis die Finanzkrise kam. Es gibt aber noch einen zweiten, gravierenderen Einwand: „Dass die Gewinner von heute nicht zwangsläufig die Gewinner von morgen sind, hat auch mit ihrer häufig hohen Bewertung zu tun“, sagt Christoph Ohme, der für die Fondsgesellschaft DWS in deutsche Aktien investiert. Einfacher formuliert: Viele der Gewinneraktien sind heute ganz schön teuer.

Um ihren Preis besser einordnen zu können, bedienen sich die Profis unter anderem des sogenannten Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) als Vergleichsmaß. Je höher das KGV, umso teurer ist, vereinfacht gesagt, eine Aktiengesellschaft, und umso mehr muss sie ihre Gewinne in Zukunft steigern, um diesen hohen Preis zu rechtfertigen.

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