Michaela Wiegel

Virus auf „Charles de Gaulle“: Soldaten von Frankreichs Flugzeugträger erheben schwere Vorwürfe

von befla

Hat die französische Verteidigungsministerin dem Kommandanten des einzigen Flugzeugträgers „Charles de Gaulle“ nach ersten Covid-19-Verdachtsfällen verweigert, den Heimathafen in Toulon anzulaufen? Diese Anschuldigung haben mehrere Soldaten des atombetriebenen Kriegsschiffs erhoben, die seit Dienstag in Kasernen an der französischen Mittelmeerküste in Quarantäne sitzen. „Die Armee hat mit unserem Leben gespielt“, zitierte der Radiosender France Bleue Provence einen betroffenen Marineoffizier, der sich an Bord infiziert hat. Der Mann legte Wert darauf, nicht seine Identität preiszugeben, da er befürchtet, andernfalls von der Armeeführung sanktioniert zu werden. 1767 der insgesamt 1900 Soldaten (1700 auf dem Flugzeugträger, 200 auf den Begleitfregatten) wurden am Dienstagabend getestet. 688 Tests fielen positiv aus, es stehen dabei noch 30 Prozent der Testergebnisse aus. Zehn Soldaten müssen in Krankenhäusern behandelt werden, einer liegt auf der Intensivstation. Der Generalstabschef der Marine, Admiral Christophe Prazuck, hat eine interne Ermittlung anberaumt, um „alle Lehren aus dem Umgang mit der Epidemie an Bord“ zu ziehen.

Die Internetzeitung „Mediapart“ schrieb, der Kommandant der „Charles de Gaulle“ habe bereits beim letzten Halt vom 13. bis 16. März in Brest in Paris um einen frühzeitigen Abbruch der Mission nachgesucht. Es hätte damals schon Verdachtsfälle mit ersten Symptomen gegeben. Doch die Bitte des Kommandanten sei ausgeschlagen worden. Verteidigungsministerin Parly hat sich zu den Vorwürfen bislang nicht geäußert. Sie sah sich jedoch gezwungen, ihre Schweigetaktik aufzugeben. Die Ministerin verweigerte seit Mitte März Auskunft um die Zahl der Covid-19-Fälle bei den Streitkräften. Einer der ersten Infektionsherde lag auf einem Militärstützpunkt in Creil im Osten von Paris. Auch über die Zahl der Infektionsfälle auf dem Flugzeugträger wurde lange nicht kommuniziert. Am Mittwochabend entschloss sich Parly dann aber, ein langes Kommuniqué zu veröffentlichen, in dem sie zugab, dass sich mehr als ein Drittel der Besatzung des Flugzeugträgers infiziert hat.

Auf die Einsatzmöglichkeiten des Flugzeugträgers verweist der französische Präsident Emmanuel Macron gern, um für eine stärkere europäische Verteidigungsstrategie zu werben. Beim Halt in Brest Mitte März war ursprünglich geplant, eine Delegation der europäischen Nato-Botschafter an Bord zu bitten und ihnen den Flugzeugträger zu zeigen. Das sollte Teil der von Präsident Macron in seiner Grundsatzrede zur nuklearen Abschreckung an der Pariser Kriegsschule angekündigten stärkeren Einbindung der europäischen Partner sein. Der Termin wurde unter dem Eindruck der Ansteckungsgefahr auf einen unbestimmten Zeitpunkt verschoben. Doch der Flugzeugträger lief nach dem 16. März wieder zu einer Übung mit Luftwaffen der skandinavischen Partner aus. Aus politischen Gründen setzt Frankreich stark auf die „kleineren“ Partner, auch um Druck auf Deutschland auszuüben. So überwiegt noch immer Enttäuschung in Paris, dass die Bundeswehr keine Spezialkräfte zu der Takuba genannten Sahel-Spezialeinsatztruppe entsendet. Hat dieser politische Hintergrund dazu geführt, dass dem Kommandanten der Landgang für seine Besatzung verweigert wurde?

Es mangelte nicht an Warnsignalen. So hatte die belgische Fregatte „Leopold I.“, die den Flugzeugträger eskortiert hatte, am 20. März einen Covid-19-Fall an Bord gemeldet. Die Regierung in Brüssel entschied sich sofort dafür, die gesamte Besatzung zurückzubeordern und in Quarantäne zu nehmen. Der Kommandant wie auch die Verteidigungsministerin in Paris wurden darüber unterrichtet. Unklar ist auch, ob die Soldaten beim Landgang in Brest strenge Kontaktsperren eingehalten haben. Am Abend des 12. März war die allgemeine Schulschließung angekündigt worden, aber Präsident Macron hatte beschlossen, den ersten Wahlgang der Kommunalwahlen am 15. März beizubehalten. Macron war am 8. März noch ins Theater gegangen und hatte gesagt, das Leben müsse weitergehen. Erst am 4. April, nachdem die Zahl der Verdachtspatienten auf dem Flugzeugträger stark angestiegen war, genehmigte die Verteidigungsministerin 66 Tests an Bord. 50 von ihnen fielen positiv aus. Jetzt konnte Parly nicht mehr leugnen, dass sich vermutlich ein Großteil der Besatzung infiziert hatte und orderte die Rückkehr nach Toulon an. Auch zwei amerikanische Soldaten an Bord sind an Covid-19 erkrankt. Die amerikanische Armee hat ständig eine Abordnung von Soldaten auf den französischen Flugzeugträger entsendet. Frankreich und die Vereinigten Staaten teilen regelmäßig ihre Erfahrungen mit der Katapulttechnik für die Flugzeuge. Die Ermittlungen der Marineführung sollen auch erforschen, wie das Coronavirus an Bord gelangte. Schon beim „Cluster“ um den Militärstützpunkt in Creil besteht der Verdacht, dass sich das Virus durch einen asymptomatischen Soldaten ausbreiten konnte.

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