Wahl im Libanon: Hoffnung auf den Hoffnungsschimmer

von befla

Gerade für die jungen Libanesen war der Sonntag ein Schicksalstag. Würde ein Parlament gewählt werden, das Hoffnung weckt: auf überlebenswichtige Reformen und Wandel? Darauf, dass die Kultur der Straflosigkeit schwindet, die einen bislang unüberwindbaren Schutzwall für das herrschende Machtkartell bildete? Das von der politischen Klasse ausgeplünderte Land steht vor dem Zusammenbruch. Noch immer hintertreiben die Paten der Politik des Landes die Ermittlungen zur Explosionskatas­trophe vom 4. August 2020 im Hafen von Beirut, die mehrere Viertel der Hauptstadt verwüstete und mehr als 200 Menschen in den Tod riss.

Die kleine Tochter von Paul Naggear war eines der Todesopfer, für ihn ist klar: Sollte alles beim Alten bleiben, sollten auch nach der Wahl die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, dann würde er seiner Heimat endgültig den Rücken kehren. „Diese Wahl steht zwischen uns und der Gerechtigkeit“, sagt er. Gewissheit hatte Naggear am Montag nicht, die Auszählung lief noch. Am Sonntagabend war bisweilen bei Notbeleuchtung gearbeitet worden, weil wieder einmal der Strom ausgefallen war. Aber Naggear hatte das Gefühl, dass nicht alles verloren ist. „Es ist besser gelaufen, als wir befürchtet hatten.“

Die ersten Zahlen, die am Wahlabend bekannt wurden, zeugten indes von Desinteresse. Die Wahlbeteiligung lag laut Angaben des Innenministeriums bei 41 Prozent und damit noch unter der des Jahres 2018. Manche hatte den Boykott der Wahl sogar zum Event gemacht: Anhänger des früheren sunnitischen Regierungschefs Saad Hariri bauten in einem Einfacheleuteviertel von Beirut ein straßenbreites, quietschgelbes Plastikplanschbecken auf und luden zur Poolparty. Es werde sich ohnehin nichts ändern, unkten sie. Hariri lächelte von einem Porträt auf die Szenerie herab. Er hatte Ende Januar seine „Zukunftsbewegung“ aus dem Wahlkampf zurückgezogen. Als weitsichtiger Stratege ist Hariri nicht bekannt, aber durch seinen Boykottaufruf hatte er sich zumindest dem stärksten Lager angeschlossen: dem der Verdrossenen.

Am Wahltag trieben Schläger ihr Unwesen

Für jene, die als unabhängige Kandidaten des Wandels antraten, war die Nachricht von der niedrigen Wahlbeteiligung zunächst eine schlechte. Gewöhnlich hilft das den etablierten Kräften mit organisierter Anhängerschaft und gut gefüllten Wahlkampfkassen. Sie profitieren nicht nur von dem komplizierten Wahlgesetz, das auf ihren Machterhalt zugeschnitten ist. Viele der libanesischen Paten kontrollieren ihre Klientel wie Feudalherren. Gerade die schwer bewaffnete Schiitenorganisation Hizbullah kann auf Kadavergehorsam und Abhängigkeit setzen. Und auf Angst.

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Gerade für die jungen Libanesen war der Sonntag ein Schicksalstag. Würde ein Parlament gewählt werden, das Hoffnung weckt: auf überlebenswichtige Reformen und Wandel? Darauf, dass die Kultur der Straflosigkeit schwindet, die einen bislang unüberwindbaren Schutzwall für das herrschende Machtkartell bildete? Das von der politischen Klasse ausgeplünderte Land steht vor dem Zusammenbruch. Noch immer hintertreiben die Paten der Politik des Landes die Ermittlungen zur Explosionskatas­trophe vom 4. August 2020 im Hafen von Beirut, die mehrere Viertel der Hauptstadt verwüstete und mehr als 200 Menschen in den Tod riss.

Die kleine Tochter von Paul Naggear war eines der Todesopfer, für ihn ist klar: Sollte alles beim Alten bleiben, sollten auch nach der Wahl die Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, dann würde er seiner Heimat endgültig den Rücken kehren. „Diese Wahl steht zwischen uns und der Gerechtigkeit“, sagt er. Gewissheit hatte Naggear am Montag nicht, die Auszählung lief noch. Am Sonntagabend war bisweilen bei Notbeleuchtung gearbeitet worden, weil wieder einmal der Strom ausgefallen war. Aber Naggear hatte das Gefühl, dass nicht alles verloren ist. „Es ist besser gelaufen, als wir befürchtet hatten.“

Die ersten Zahlen, die am Wahlabend bekannt wurden, zeugten indes von Desinteresse. Die Wahlbeteiligung lag laut Angaben des Innenministeriums bei 41 Prozent und damit noch unter der des Jahres 2018. Manche hatte den Boykott der Wahl sogar zum Event gemacht: Anhänger des früheren sunnitischen Regierungschefs Saad Hariri bauten in einem Einfacheleuteviertel von Beirut ein straßenbreites, quietschgelbes Plastikplanschbecken auf und luden zur Poolparty. Es werde sich ohnehin nichts ändern, unkten sie. Hariri lächelte von einem Porträt auf die Szenerie herab. Er hatte Ende Januar seine „Zukunftsbewegung“ aus dem Wahlkampf zurückgezogen. Als weitsichtiger Stratege ist Hariri nicht bekannt, aber durch seinen Boykottaufruf hatte er sich zumindest dem stärksten Lager angeschlossen: dem der Verdrossenen.

Am Wahltag trieben Schläger ihr Unwesen

Für jene, die als unabhängige Kandidaten des Wandels antraten, war die Nachricht von der niedrigen Wahlbeteiligung zunächst eine schlechte. Gewöhnlich hilft das den etablierten Kräften mit organisierter Anhängerschaft und gut gefüllten Wahlkampfkassen. Sie profitieren nicht nur von dem komplizierten Wahlgesetz, das auf ihren Machterhalt zugeschnitten ist. Viele der libanesischen Paten kontrollieren ihre Klientel wie Feudalherren. Gerade die schwer bewaffnete Schiitenorganisation Hizbullah kann auf Kadavergehorsam und Abhängigkeit setzen. Und auf Angst.

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